„Mir ging schon ein wenig die Düse“, gesteht unser Kapitän. „Wir hatten nur noch 1,8 Meter unter dem Kiel. Auf dem Rückweg müssen wir etwas weiter westlich steuern.“ Sicher, sage ich, aber die GPS-Position aus dem Handbuch stimmte. „Nun ja…“, wendet er ein.
„Sie waren zu weit östlich“, sage ich. „Ich habe doch gesagt, dass Sie mehr nach Backbord halten müssen?“ „Oh ja, das stimmt. Ich werde künftig einfach auf Sie hören“, lächelt er.
Die vergangene Nacht lagen wir in einem Fjord vor Anker, am Fuße eines Gletschers, in einer Bucht, die Beaulieu getauft wurde. Um in den Fjord zu gelangen, mussten wir eine Schwelle überqueren. Der Gletscher schiebt eine Menge Geröll und Schutt vor sich her, wenn er wächst. Wenn er sich zurückzieht, bleibt dies am Ende liegen und bildet dort eine Schwelle.
Das Problem mit der Schwelle ist, dass man sie nicht sieht. An den Seiten des Fjords ragen zwar einige Felsen über die Wasserlinie hinaus, aber gut 90 % der Steine liegen tückisch unter Wasser.
Nur ein sehr kleiner Teil der Schwelle ist tief genug, um ihn zu überfahren und in den Fjord zu gelangen. Glücklicherweise steht im Handbuch exakt, an welcher GPS-Position sich dieser tiefe Punkt befindet. Aber genau diesen Punkt in strömendem Wasser ohne Bojen oder andere Markierungen zu treffen, ist gar nicht so einfach.
Bevor es so weit ist, fahren wir mit dem Zodiac zum Gletscher. Gut eine Viertelstunde suchen wir uns unseren Weg zwischen den Eisblöcken hindurch zu einer Felsspitze, an der wir an Land gehen können. Von dort aus wollen wir zum Gletscher laufen.

Unterwegs im Zodiac ist es kalt. Der Wind schneidet, der Schnee macht alles noch ein paar Grad schlimmer. Doch sobald wir aus dem Schlauchboot geklettert sind, hört es auf zu schneien. Und beim Laufen wird uns binnen kürzester Zeit warm. Die Handschuhe können ausgezogen, die Jacke geöffnet werden.
Der Gletscher grollt. Als ob ein Gewitter naht. Wir halten auf einem großen Felsen gegenüber dem Gletscher inne. Plötzlich bricht ein Stück ab. Die Eisbrocken stürzen in sich zusammen und suchen sich anschließend ihren Weg durch das Wasser aus dem Fjord hinaus.
Am späten Nachmittag ist es auch für uns Zeit, den Fjord für die letzte Etappe dieser Reise zu verlassen: durch den Beagle-Kanal nach Ushuaia.
Der Kapitän und ich nehmen unsere Positionen wieder ein. Er am Steuer mit dem Echolot vor der Nase, ich am Kartentisch mit dem GPS und dem (riesigen) Atlas der chilenischen Gewässer (sehr vollständig, aber nur mit der Lupe lesbar).
Nach 20 Minuten Fahrt haben wir die Schwelle erreicht. Alle 0,1 Meilen trage ich unsere Position in die Karte ein. Punkt für Punkt. Ein Stückchen nach Steuerbord, ein Stückchen nach Steuerbord. Exakt an der im Handbuch angegebenen GPS-Position passieren wir die Schwelle.
Ein Seufzer der Erleichterung geht durch das Steuerhaus. „Wenn Sie später Kapitän sind“, sagt Gast Dick, „dann heuere ich bei Ihnen an.“ „Das ist gut, Dick, ich nehme Sie beim Wort“, sage ich. „Das Navigieren über diese Schwelle war das Glanzstück der Reise“, erinnert sich Gast Chris während seiner Rede beim Abschiedsessen in Ushuaia. Und das war es, ganz sicher.
Die Unterwasserschwelle ist auf der Karte blau markiert, das weiße Stück dazwischen ist unsere Durchfahrt




